Das Potenzial von generativer KI in der Anforderungserhebung – Teil 3
Das Anforderungsmanagement beschäftigt sich mit der systematischen Erfassung, Dokumentation und Verwaltung von Anforderungen an ein zu entwickelndes System. Ziel ist es, sicherzustellen, dass das entstehende Produkt den Bedürfnissen und Erwartungen der Stakeholder entspricht. Eine zentrale Disziplin innerhalb dieses Prozesses ist die Anforderungserhebung, also die strukturierte Sammlung und Formulierung von Anforderungen aus unterschiedlichen Quellen, wie bereits im Überblicksartikel erwähnt worden ist.
Für die erfolgreiche Anforderungserhebung sind mehrere Faktoren entscheidend: Einerseits muss eine möglichst vollständige Sammlung relevanter Informationen gewährleistet sein. Andererseits kommt es darauf an, die erhobenen Anforderungen klar und präzise zu formulieren, um spätere Missverständnisse und Implementierungsfehler zu vermeiden.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie Generative KI die Anforderungserhebung unterstützen kann. Insbesondere interessiert, ob sie in der Lage ist, aus den heterogene Eingabedokumente Anforderungen abzuleiten und konsistent zu formulieren, um so Arbeitsaufwand für Requirements Engineers zu reduzieren.
Ausgangslage
Im untersuchten Szenario ist ein fiktives Warenwirtschaftssystem als Beispiel herangezogen worden. Dieses umfasst drei Ebenen:
Als Eingaben dienen manuell erstellte, fiktive Dokumente wie Projektvorschläge, Beobachtungsprotokolle, Schnittstellenspezifikationen, unvollständige Use-Case-Diagramme oder Mockups. Diese lagen in unterschiedlichen Formaten vor (z. B. DOCX, PNG, YAML, PDF). Die Dokumente sind einem generativen Sprachmodell (ChatGPT 4o) übergeben worden, um daraus Anforderungen in ein strukturiertes, auswertbares CSV-Format zu überführen.
Vorgehen
Um die Ergebnisse möglichst objektiv zu bewerten, werden die Ausgaben anhand definierter Kriterien untersucht. Zunächst erfolgt ein Abgleich der von ChatGPT erhobenen Anforderungen mit den manuell erhobenen Anforderungen. Anschließend wird die KI gebeten, identifizierte Schwächen zu korrigieren.
Vollständigkeit der Anforderungen
Die Vollständigkeit der durch die KI entdeckten Anforderungen wird mit einem Abgleich gegenüber zuvor händisch erhobenen Anforderungen erzielt. Dabei werden Abweichungen in der Formulierung oder ein gewisser Interpretationsspielraum toleriert, solange der Kerninhalt vergleichbar bleibt.
Sprache der Anforderungen
Ein weiterer Fokus liegt auf der sprachlichen Konsistenz der Anforderungen. Als Maßstab gilt eine Ähnlichkeit zwischen Anforderungspaaren, wenn für ein bestimmtes Konzept konsistent dieselben Begriffe verwendet werden. Abweichungen entstehen insbesondere dann, wenn die KI alternative Begriffe oder unspezifische Formulierungen einsetzt.
Ergebnisse
Die manuelle Erhebung ergibt insgesamt 72 Anforderungen. Die KI hat zunächst 40 Anforderungen extrahieren können, von denen 9 nicht korrekt aus den Quelldokumenten abgeleitet sind. Eine detaillierte Analyse ergibt mehrere Ursachen:
Im weiteren Verlauf zeigten sich Stärken und Schwächen in der Zusammenarbeit mit der KI:
Fazit
Das Experiment zeigt, dass Generative KI in der Anforderungserhebung ein wertvolles Assistenzwerkzeug sein kann, insbesondere bei:
Allerdings bestehen deutliche Einschränkungen:
Insgesamt lässt sich festhalten: ChatGPT und vergleichbare Modelle eignen sich weniger als autonome Anforderungserheber, sondern vielmehr als dialogorientierte Assistenten. Im Zusammenspiel mit menschlicher Expertise können sie das Requirements Engineering durch Strukturierung, Vorschläge und Validierung sinnvoll ergänzen, jedoch nicht ersetzen.